Ruhe und Gelassenheit

Es ist schon verwunderlich, was man alles so auf sich nimmt, wenn man etwas wirklich möchte, wie z. B. einmal durch den Schärengarten des drittgrößten Süßwasser Sees zu paddeln. Dann lässt man sogar 14 Stunden Busfahrt über sich ergehen. Ja, die Fährüberfahrten der Vogelfluglinie unterbrechen zwar das ganze aber helfen auch nicht wirklich. Da heißt es erwartungsschwanger durchbeißen, lesen, Musik hören und Vier gewinnt verlieren, eigentlich alles so wie früher auf den Klassenfahrten...

Vor den Schärengarten ist aber bei der langen Anfahrt sinnvollerweise noch eine „Camp“ Woche mit leichten (sind 90 km mit dem Fahrrad Berg auf, Berg ab und strömenden Regen zurück leicht?) Aktivitäten gesetzt. Bei allen Superlativen haben wir nur leider den nassesten April, Entschuldigung, Juli erwischt. Sei es drum, zwar reklamieren die Finnen für sich die Sauna erfunden zu haben, aber die kleinste und unbequemste haben ganz bestimmt die Schweden!

 

Beim ersten Tag Sonne fällt dann auch auf was fehlt, eine Sonnenliege! Kurz mal Hand, Säge und Hammer angelegt und der Prototyp der 7-Mann(Frau) Liege ist fertig. Einen Namen für den Ikea Katalog war auch schnell gefunden: Poasty. Dieser war uns schon zuvor im Traum erschienen, doch damals konnten wir noch nichts damit anfangen. Als Bewohner des Chemie-Zimmers fühlen wir uns authentisch an den Benzo-Ring zurück erinnert.

 

Kaum sind die Rückenschmerzen der Busfahrt mit 4 Saunaabenden (nein nicht sau nah) aus den Knochen geschwitzt ist die erste Woche tatsächlich auch schon um. Dabei sah es am ersten Tag ganz anders aus, kaum hatten wir durch Schlamm und Dickicht das richtige Norden (aber immer noch keine Burg) gefunden, da wartete eine neue Gefahr auf uns. Bei 10%igem Bier wird jedoch schnell ausgeschlossen, dass es sich hier um einen vereinsamten, abgeschiedenen Massenmörder handelt - der tut nichts, der will doch nur spielen. Wenn es dann mal so weit ist, verdanke ich ihm auf jeden Fall den Namen meiner kleinen Kneipe (ihr wisst schon mit netter Bedienung, Erdnüssen und Salzstangen), ich nenne sie: The Royal Inn.

Die 10% haben natürlich überwogen und somit sind wir auf die Woche eingestimmt: immer Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen und überzeugendes auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit. Damit umschiffen wir jede Klippe, überqueren jeden Bauernhof und biegen, wenn es sein muss an der T-Kreuzung auch noch rechts ab..

 

Der Freundeskreis der Walldorfschüler legt noch schnell eine „Freundschaft-Performance“ hin (was man für Bier nicht alles auf sich nimmt?) und dann wird es ernst, morgen werden die Boote endlich gepackt.

 

Eigentlich ist die Hose schon so weit, dass man sie nicht noch eine weitere Woche tragen möchte, aber wen soll das in der Wildnis schon stören, den Elchen vielleicht? Maximal die neuen Gruppenmitglieder, die erst heute angereist sind, aber die haben selbst genug damit zu tun, die Busfahrt zu verarbeiten (der aufmerksame Leser erinnert sich?)

Am ersten Tag noch einpaddeln, Ausrüstung checken und mit den Mücken Brüderschaft trinken – allerdings eine sehr einseitige Angelegenheit von Seiten der Mücken).

 

Kaum taucht die Bootsspitze unter Wasser ist alles drumherum vergessen und der Urlaub beginnt (zu Erinnerung, vorher war Wellness). Das einzige Geräusch beim dahingleiten ist das eintauchen des Paddels in den spiegelglatten, jungfräulichen See... Da auch kein Juli mehr ist, starten wir mit dem heissesten August seit keine Ahnung...

 

Wenn man jetzt einfach durchpaddeln würde, könnten einen die Mücken vielleicht nicht ganz am lebendigen Leib auffressen, doch der Klappspaten ist auf Wasser recht wirkungslos, also doch anlanden und … ups, wer hat gesagt das hart liegen gesund ist? Da kann man noch so viel Chilli und Käsesoße (nein, nicht gleichzeitig, so schlimm war es dann doch nicht) essen, der Fels gibt keinen Millimeter nach und verrenkt einem (mal wieder) das Kreuz. Das nützt uns aber wiederum für die Heimfahrt, da kommen einem die Bussitze doch gleich viel bequemer vor.

Was übrigens selbst die Biologen nicht wussten, es gibt schwarze Löcher für Mücken, diese wurden nach ihren Entdeckern Maria und Alex benannt und erleichtern einem den Aufenthalt im Freien ganz erheblich, diese gehören in jedes Outdoor Handgepäck, sind aber im Globetrotter Katalog noch nicht gelistet. Einen Drink für das Royal Inn für „strong men“ die noch fahren müssen, haben wir auch schon, die Rauchbrause. Einfach Wasser über dem offenen Feuer erhitzen bis es den ganzen Qualm aufgesogen hat, dann eine Multivitamintabelette hinzu und fertig ist der Lagavulin für Antialkoholiker … oder doch lieber Ladys-Beer?

 

Noch schneller als sich das hier ließt, war dann auch diese Woche wieder um und der Bus schaukelt einen als wäre nichts gewesen wie auf einer Welle zurück. Ich schließe die Augen und tauche noch einmal mit der Spitze ins Wasser und wieder auf und wieder ab.

 

Was bleibt, wenn die Mückenstiche verschwunden sind, ist die einmalige Erinnerung an ein unberührtes Schweden, die Erkenntnis, dass unsere alltägliche Hetze hier nicht wirklich zählt - wer hätte geacht, dass eine Holzbank mit Tisch schon purer Luxus sein kann? - (darum lieber immer Ruhe und ... du weisst schon..), ein paar nützlich Tipps und Tricks für die nächste eigene Tour und vielleicht ein paar neue Freundschaften, wenn man bereit ist darin zu investieren...

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Kommentare: 2
  • #1

    Nina - Inga (Dienstag, 11 August 2009 22:29)

    hmmmm lecker Rauchbrause, da fragt man sich doch wie das Leben vorher war.
    Gollum, der Bericht ist klasse, grosses Kino.

  • #2

    Jens (Mittwoch, 12 August 2009 17:56)

    Moin,

    es sind super Wellness- & Urlaubswochen mit Euch in Schweden gewesen.
    Dein Bericht ist, wie Nina - Inga schon schreibt: Klasse! Man merkt eindeutig wie die Nähe des Litteraturzimmers zum Kemizimmer nachwirkt.

    Und nicht vergessen:
    Immer Ruhe und Gelassenheit ...